Unsere Geschichte

Ignatia Jorth

Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul mit dem Mutterhaus München geht nicht in direkter Linie auf den Ordensheiligen und die Mitgründerin der „Töchter der christlichen Liebe“ zurück. Entzündet wurde das Feuer der Nächstenliebe, von dem die Barmherzigen Schwestern erfüllt sind, aber ebenfalls in dem Land, in dem Vinzenz von Paul wirkte: in Frankreich. Pfarrer Louis Chauvet war es, der 1695 in dem kleinen Dorf Levesville (in der Nähe von Chartres) die „Paulusschwestern“ gründete, nachdem er vom Pariser Mutterhaus der „Töchter der christlichen Liebe“ die Nachricht erhalten hatte, dass es nicht möglich sei, Schwestern von Paris nach Levesville zu entsenden. Zu jener Zeit bemühte man sich an anderen Orten ebenfalls, Gemeinschaften zu gründen, die sich für Not leidende Menschen einsetzten. Dieser Wunsch wurde auch im Elsaß laut. Kardinal de Rohan sandte deshalb im Jahr 1732 junge Frauen zur Ausbildung zu den Paulusschwestern, die ihren Sitz mittlerweile in Chartres hatten; 1734 kehrten sie nach Zabern im Bistum Straßburg zurück und nahmen im dortigen Spital den Pflegedienst auf. Die Gemeinschaft nannte sich „Soeurs de la Charité“. Der Name „Barmherzige Schwestern“ war geboren.

1758 wurde der Priester Jeanjean zum Superior der noch jungen Kongregation in Zabern/Straßburg ernannt. Als großer Verehrer des hl. Vinzenz von Paul begeisterte er die Schwestern so sehr für dessen Spiritualität, dass sie ihn als ihren geistlichen Vater und im übertragenen Sinn als ihren Stifter ansahen. Von Straßburg gingen dann später mehrere Neugründungen von Ordensgemeinschaften aus. Eine dieser Neugründungen fand 1832 in München statt.

König Ludwig I. von Bayern hatte in Frankreich die Barmherzigen Schwestern kennen gelernt und den Wunsch geäußert, solche Schwestern auch ins damalige Königreich Bayern zu holen. Nach einigen Verhandlungen zwischen dem Münchner Stadtmagistrat und dem Mutterhaus Straßburg kamen am 10. März 1832 zwei Schwestern nach München, um hier eine neue Gemeinschaft zu gründen: Schwester Ignatia Jorth sollte im Allgemeinen Krankenhaus in Nähe des Sendlinger Tors Oberin werden. Die zweite Schwester, Apollonia Schmitt, war als Novizenmeisterin für die 46 Mädchen vorgesehen, die dort bereits warteten, weil sie Barmherzige Schwestern werden wollten.

In den nächsten Jahren brachten die helfenden Hände der Schwestern zuerst das Allgemeine Krankenhaus links der Isar in der Ziemssenstraße auf Vordermann. Schwester Ignatia Jorth, eine kluge, erfahrene Krankenschwester mit Sinn fürs Praktische und hervorragendem Organisationstalent, erkannte die Schwierigkeiten und versuchte mit zäher Energie, ihre Reformpläne zu verwirklichen. Sie war nicht nur die erste Oberin des Krankenhauses, sie wurde zugleich die erste Generaloberin in der jungen Gemeinschaft. Schnell hatten die Barmherzigen Schwestern in einem weiten Umkreis einen sehr guten Ruf, so dass schon 1835 die ersten Bitten um Schwestern zur Übernahme der Pflege in anderen Krankenhäusern ausgesprochen wurden.

Das alte Mutterhaus (bis 2007)

Zwischen 1837 und 1839 entstand in unmittelbarer Nachbarschaft zum Allgemeinen Krankenhaus ein Hort der Besinnlichkeit und Zentrum karitativen Wirkens: das Mutterhaus der Kongregation. Das beherzte Wirken dort trug bald Früchte: Bis 1848 zählte man 16 Niederlassungen in Bayern. Vom Mutterhaus München gingen zudem Neugründungen von Ordensgemeinschaften in Innsbruck (1839), Graz (1841), Salzburg (1844) und Augsburg (1862) aus.

Die Kongregation entwickelte sich rasch. Krankenhäuser, Altenheime, Schulen und Kindergärten wurden zu bevorzugten Orten des Wirkens. Aber auch direkte Armenpflege und Hauskrankenpflege übernahmen die Barmherzigen Schwestern.

Die karitativen Einrichtungen der Barmherzigen Schwestern und anderer Orden waren in der Zeit der industriellen Revolution und verarmter Landbevölkerung oft die einzige Hilfe für die zahlreichen Armen und Hilfsbedürftigen. Es gab viel zu wenig soziale Einrichtungen des Staates und kein System, das die Menschen in Notsituationen wie Krankheit und Alter auffing. Die Barmherzigen Schwestern hatten zu dieser Zeit sehr großen Zulauf; denn es gab viele gläubige junge Frauen, die in der Tätigkeit für die Armen eine Lebenserfüllung sahen. Für viele bedeutete der Eintritt in die Ordensgemeinschaft selbst einen sozialen Aufstieg: Der von den meisten ausgeübte Beruf der Krankenschwester war in der Gesellschaft hoch angesehen und lange Zeit ohne den Eintritt in einen Orden nicht ausführbar. Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Schwestern 1939: Insgesamt 2847 Profess-Schwestern, Novizinnen und Kandidatinnen weist die Statistik für das Jahr des Kriegsbeginns aus. Eingesetzt waren sie in über 150 Niederlassungen.

Das im Krieg zerstörte Mutterhaus

Der Nationalsozialismus und die Kriegszeit brachten einen starken Einbruch in der Kongregation. Es mussten viele Wirkungsstätten aufgegeben werden, und viele Barmherzige Schwestern wurden aus den Krankenhäusern entfernt und durch sogenannte „Braune Schwestern“ ersetzt. Im Bombenhagel der Luftangriffe verloren 21 Angehörige der Kongregation ihr Leben, und im Mutterhaus waren infolge der Zerstörungen zeitweise nur noch wenige Räume bewohnbar.

Doch die Entbehrungen des Dritten Reichs konnten die Inspiration und die Initiative der Schwestern nicht brechen. So führten sie die lang gepflegte Tradition humanitärer Hilfe auch in der Nachkriegszeit fort. Bis Anfang der 1960er Jahre verzeichnete die Kongregation relativ viele Eintritte junger Frauen. Danach nahm die Zahl der Kandidatinnen und Novizinnen aber rapide ab – eine Entwicklung, die auch andere Ordensgemeinschaften erfasst hat und ein Zeichen dafür ist, dass die Kirche in der Gesellschaft stark an Rückhalt verliert.

Heute zählt die Kongregation gut 200 Schwestern, die in etwa 15 Niederlassungen tätig sind oder im Ruhestand leben. Über 1300 weltliche Mitarbeiter sind darüber hinaus in den Einrichtungen der Kongregation beschäftigt und unterstützen die Barmherzigen Schwestern in ihrem Dienst.

Abschließend einige markante Ereignisse aus der jüngeren Geschichte: 1964 bekamen die Barmherzigen Schwestern eine neue Ordenstracht. Die „Flügelhaube“ als langjähriges Erkennungszeichen wurde durch eine schlichte Kopfbedeckung ersetzt. 1971 haben sich die von Straßburg aus gegründeten Gemeinschaften der Barmherzigen Schwestern zur „Föderation Vinzentinischer Gemeinschaften“ zusammengeschlossen und arbeiten seither in vielen Bereichen sehr eng zusammen.

Seit 1994 schließlich gehören alle Mitglieder der Föderation und damit auch die Kongregation der Barmherzigen Schwestern mit dem Mutterhaus München ganz offiziell zur großen Vinzentinischen Familie der „Töchter der Christlichen Liebe“ und der Lazaristen, des vom hl. Vinzenz gegründeten Männerordens. „Affiliation“ heißt das für die Annahme als Töchter verwendete Fachwort.

Ein markantes Ereignis war auch der Neubau und Bezug eines neuen Mutterhauses im Münchner Stadtteil Berg am Laim. Seit 2007 befindet sich hier der Sitz der Kongregation.